Iwan der Schreckliche und seine Erben
Wenn man die wohlfeile Redensart hinterfragt, früher sei im Alltäglichen wie im Weltpolitischen alles besser gewesen, so erkennt man schnell, dass die Zeiten früher noch finsterer waren als die heutigen, zumindest über weiten Strecken, auch im 16. Jahrhundert, als Iwan IV. in Russland regierte. Geboren 1530, krönte er sich selbst zum ersten Zaren und starb mit 53 Jahren beim Schachspiel. War es ein Herzinfarkt oder Gift? Auf jeden Fall ein falscher Zug. Feinde hatte er genug, denn seine Staatsgründung war brutal und gewaltsam. Als die Stadt Nowgorod 1570 unabhängig werden wollte, ließ er von seiner berüchtigten Privatarmee „Opritschniki“ die Stadt plündern, Einwohner foltern, ertränken, verbrennen und hinrichten. In alten Quellen liest man von 60 000 Opfern. Elf Jahre später erschlug er im Jähzorn seinen ältesten Sohn, den Zarewitsch. Ein Zar im Blut und im Wahnsinn, so hat ihn der russische Maler Ilja Repin in einem berühmten, hochbrisanten Gemälde festgehalten. Zur Heldengeschichte Russlands passte es nicht und so wurde das Gemälde zeitweise ins Depot verbannt. Dieser Mord und das Blutbad von Nowgorod schwächten den Staat entscheidend, denn unter dem jüngeren, unfähigen Sohn Fjodor I. versank Russland nach dem Tod seines Vaters im Chaos.
Iwan IV. ging im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen und bekam den Beinamen „der Schreckliche“. Es ist eine Tragödie in drei Akten: der Staatsgründer, Gewaltherrscher und Selbstzerstörer. So hat ihn auch die Kunst gezeigt. Tolstoi in seinem Drama „Der Tod Iwans des Schrecklichen“, Nikolai Rimski-Korsakow in seiner Oper „Die Zarenbraut“ (obwohl er hier nicht selbst auftritt) oder Sergei Eisenstein in seinem berühmten zweiteiligen Filmepos „Iwan der Schreckliche“ 1944/45 mit der Musik von Sergei Prokofjew, die heroisch, düster und gewalttätig klingt. Stalin liebte den ersten und verbot den zweiten Teil. Iwan als Terrorist und Selbstzerstörer passte nicht in seine Heldengeschichte. Heute wird in Russland das Massaker in Nowgorod relativiert und die Gewalt als historisch notwendig verteidigt.
Man kann bei dieser Geschichte an Shakespeare denken, an König Lear, Macbeth oder Richard III., aber auch an Putin und Trump. Für beide sind Gewalt nach innen und außen, Säuberungen und die Annexion souveräner Staaten legitime Mittel, sie folgen dem uralten Prinzip, der Zweck heilige die Mittel, das Recht liege beim Sieger. Und was Recht ist, bestimmt der Sieger. Zumindest ist Trump auf dem Weg dorthin. Checks and Balances, dieses System gegenseitiger Machtbegrenzung, dem Optimisten immer noch vertrauen, funktioniert nicht mehr. Aber ohne Gewaltenteilung gibt es keine Demokratie.
Im zweiten Teil des Films von Eisenstein gibt es eine brutale Szene: Iwan feiert mit seinen „Opritschniki“, die das Massaker von Nowgorod erledigen, eine Art Schwarze Messe, begleitet von einer liturgisch-heroischen Musik Prokofjews, die in harte Marschrhythmen übergeht. Ein geschlossener Block von Tyrann, Anhänger, Kirche und Musik. Das Volk ist verbannt. Die Fratze des Gewaltherrschers zeigt sich. Von Gewaltenteilung keine Spur. „Den Teufel überall zu sehen, ist ein Irrtum. Ihn aber nirgendwo zu sehen, ist ein noch größerer Irrtum“ (Hl. Bernhard von Clairvaux).
Doch es gibt in dieser blutigen Geschichte auch Hoffnung. Als Iwan IV. von Großmannssucht getrieben Livland, das heutige Estland und Lettland überfiel, um Russland nach Westen zu erweitern und einen Zugang zur Ostsee zu gewinnen, solidarisierten sich Schweden, Dänemark, Polen und andere Länder so entschlossen und wehrhaft, dass er kapitulieren musste. Auch Iwan der Schreckliche verstand nur die Sprache der Stärke. Sein aggressiver Expansionskurs zerbrach an der Solidarität der europäischen Länder. Alte Geschichten können sehr aktuell sein.